Die Entwicklung des französischen Druckwind-Harmoniums verlief parallel zur Entwicklung der französischen romantischen Orgel. 
Im 19. Jh. hatte man ein starkes Bedürfnis, seine musikalischen Gefühle expressiv ausdrücken zu können. Die Orgel –  mit vielen Registern mit weichem, streichendem Klang, überblasenden Flöten , weichen, durchschlagenden Zungenwerken und oft ausgerüstet mit zwei  Schwellwerken – befriedigte es vollkommen.  Aber auch das Harmonium mit dem Expressionsregister erfüllte diesen Wunsch völlig. Es hieß dann auch „Die expressive Orgel“ und wurde häufig vorne in der Kirche aufgestellt, wo es gebraucht wurde, um die große Orgel zu ergänzen und um den Chor während der Messe zu begleiten.

Auch in zahlreichen französischen Salons standen Harmoniums; sie wurden für das Ausführen von Kammermusik eingesetzt – solistisch, aber auch zusammen mit anderen Instrumenten wie Klavier und Streichern. Auch für die Begleitung von Gesang erwies sich das Harmonium als sehr geeignetes Instrument.
Es war ein respektables Instrument, das aber wegen der hohen Anschaffungskosten nur den besser Situierten vorbehalten war.
Es ist bekannt, dass einige renommierte Organisten dieser Zeit sich mit Harmoniumfabrikanten zusammentaten und in den Salons Konzerte gaben, um auf diese Weise zu versuchen, die Harmoniums an den Mann zu bringen.
Auch wurden viele Unterrichtswerke für das Harmonium geschrieben, da das Spielen des Instruments einiges an Lernen verlangte. Besonders der sachkundige und zweckmäßige Gebrauch des Expressionsregisters erforderte viel Übung. Das gilt auch heute noch.
Einige Hersteller schrieben ein eigenes Unterrichtswerk, versehen mit einer Empfehlung eines bekannten Organisten, um so ihre Instrumente als angeblich beste verkaufen zu können.
Die Druckwind- Harmoniums wurden in verschiedenen Größen, aber stets auf einheitliche Weise gebaut, so dass sie immer einen identischen Kern von Basisregistern und anderen Spielhilfen haben. Jedes der verschiedenen Register hat eine dazugehörige, oft umran-dete  Nummer, während umrandete Buchstaben die anderen Spielhilfen benennen.
Die Manuale umfassen fast immer fünf Oktaven. Jedes der klingenden Register ist in Diskant und Bass unterteilt; die Teilung liegt zwischen e1 und f1 über dem mittleren c, dazu gehören Zugknöpfe zum Bedienen jedes halben Registers. 
Der Komponist gab die gewünschte Registrierung durch Platzierung der umrandeten Nummern und Buchstaben für den Diskant oberhalb und für den Bass unterhalb des Notensystems an. Ein Schrägstrich durch eine Nummer oder einen Buchstaben bedeutet, dass der Spieler das Register ausschalten soll.

Die meisten Druckwind-Harmoniums haben folgende Grundausstattung an Registern und anderen Spielhilfen:

Cor Anglais  8`            Flute          8`
2.                Bourdon   `16`            Clarinette 16 `
3.                Clairon       `4`            Fifre           4`
4.                Basson      `8`            Hautbois   8`

E    Expression (Ausdruck): ein nicht klingendes Register, das dynamische Nuancen möglich macht durch Verschließen des Magazinbalgs und Durchleiten des Windes direkt von den Bälgen zu den Zungen.

G     Grand Jeu:    Volles Werk; wirkt nur auf die Register 1 bis 4 ein durch einen Zugknopf oder einen Knieschweller.

Es wurden natürlich auch kleinere Harmoniums gebaut mit ein, zwei oder drei „Spielen“, aber stets mit einheitlicher Nummerierung, ebenso größere mit zwei Manualen oder mit zwei Manualen und Pedal.
Das Druckwind-Harmonium verbreitete sich schnell in ganz Europa und wurde nicht nur in Frankreich, sondern auch in vielen anderen europäischen Ländern gebaut, natürlich ebenfalls in Deutschland. Es war ein kostbares Instrument.

In all diesen Ländern wurde auch viel für Harmonium komponiert, und es erschienen viele Bearbeitungen bekannter klassischer Stücke.
Als das Harmonium Anfang des 19. Jahrhunderts als vollständig neues Instrument entwickelt wurde, gab es dafür natürlich noch keine spezifische Musik. Viele Komponisten aus dieser Zeit wie C. Franck, Ch. M. Widor, L. Boellmann, C. Saint-Saens und natürlich auch A. Guilmant machten sich daran, Musik dafür zu schreiben – teils als liturgische Musik für den kirchlichen Gebrauch, teils als Salonmusik.

 

Text von Piet Bron

Übersetzung: BC